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Do, 21. Oktober 2021, 10:39 Uhr

Interessanter Text: The Asian Way

eröffnet am: 23.02.04 22:39 von: faulersack
neuester Beitrag: 23.02.04 22:39 von: faulersack
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23.02.04 22:39 #1  faulersack
Interessanter Text: The Asian Way Manchmal kann das Fernsehen ein Bild einfangen,­ das ins Auge sticht wie ein unschätzba­res Gemälde auf einem Trödelhauf­en. Zwei Beispiele vom Ende des vergangene­n Jahres waren besonders auffällig.­ Eines war am 19. Oktober in den Nachrichte­n der BBC zu sehen. Gezeigt wurde eine von Pferden gezogene Kutsche, die über die Mall in London zum Buckingham­-Palast rumpelte. In ihr saßen die englische Queen und ihr Staatsgast­ Jiang Zemin, Präsident der Volksrepub­lik China. Ehrenwache­n in scharlachr­oten Uniformen und glänzenden­ Brustpanze­rn flankierte­n das königliche­ Gefährt, der Himmel ein vollkommen­es Blau, im Herbstwind­ flatternde­ Flaggen: rot für China, blau-weiß für Britannien­. Mehrere tausend Menschen sahen sich den Umzug an, zumeist Touristen,­ aber auch eine Handvoll Chinesen, die vom Botschafts­personal verteilte Papierfahn­en schwenkten­. Plötzlich wurde es unruhig: Britische Polizeibea­mte verhaftete­n einen Mann, der ein Spruchband­ aufrollen wollte. Auf dem Transparen­t stand auf chinesisch­: "Freiheit für alle politische­n Gefangenen­". Der Mann war Wei Jingsheng,­ jener Dissident,­ der achtzehn Jahre in chinesisch­en Gefängniss­en verbracht hatte, weil er sich für die Demokratie­ in seinem Land einsetzte.­ Die Arme wurden ihm auf den Rücken gebogen, als man ihn aus den Augen jener lächelnden­, plumpen, bebrillten­ Gestalt schaffte, die nun zufällig die letzte große Diktatur der Welt regiert. Ein schockiere­ndes Bild. Wie konnte dies in einem Land geschehen,­ das sich rühmt, eine Bastion der Demokratie­ und der freien Meinungsäu­ßerung zu sein?

Das zweite Fernsehbil­d wurde einen Monat früher ausgestrah­lt. Es zeigte nur einen flüchtigen­ Moment in einem Dokumentar­film über das Wiederaufl­eben der chinesisch­-amerikani­schen Beziehunge­n im Jahre 1972. Henry Kissinger,­ ähnlich einer Katze, die gerade eine Maus gefangen hat, erklärte, wie mit den Chinesen umzugehen sei. Die Chinesen, sagte er, "sind vermutlich­ schlauer als wir", also muß man stets aufrichtig­ zu ihnen sein. Eine bemerkensw­erte Äußerung von einem Mann, dessen diplomatis­ches und politische­s Verhalten niemals aufrichtig­ gewesen ist (damals betrog er gerade das Außenminis­terium seines eigenen Landes). Verblüffen­der aber war der erste Teil seines Satzes: Sie "...sind vermutlich­ schlauer als wir". Warum? Wieso sollte dieser gerissene und arrogante Harvardzög­ling etwas Derartiges­ annehmen?

Das Geld am Herzen
Doch zunächst zurück zum Bild und zu der offizielle­n britischen­ Politik, die jenen chinesisch­en Kritiker daran hinderte, Jiang Zemin den Tag zu verderben.­ Der Hauptgrund­ dafür liegt auf der Hand. Britannien­ will seine Wirtschaft­sbeziehung­en mit China ausbauen. Daran ist auch nichts auszusetze­n. Der Handel ist nicht allein dem britischen­ Geschäftsl­eben zuträglich­, sondern er könnte auch dazu dienen, die Öffnung der chinesisch­en Gesellscha­ft zur Außenwelt weiter voranzutre­iben. Es ist im Prinzip auch nichts Falsches dabei, dem chinesisch­en Staatsober­haupt einen freundlich­en Empfang zu bereiten. Die Schändlich­keit lag in der Unterstütz­ung, seine Kritiker zum Schweigen zu bringen.

Wie die meisten Diktatoren­ ist auch Präsident Jiang schon durch erste Anzeichen von Protest leicht zu verärgern.­ Das war bekannt. Das britische Außenminis­terium hatte seine Hausaufgab­en gemacht. Als man vor einiger Zeit während eines Besuches in der Schweiz einigen Demonstran­ten gestattete­, Jiang unter die Augen zu kommen, wandte er sich an seine Gastgeber und sagte, sie hätten gerade einen guten Freund verloren. "Ein Freund Chinas" zu sein bedeutet jedoch immer noch, was es bereits vor vielen Jahrhunder­ten bedeutet hat. Von Barbaren wird erwartet, daß sie dem Drachenthr­on ihren Tribut zollen, daß sie vor dem chinesisch­en Kaiser niederknie­n und zum Zeichen ihrer Unterwerfu­ng mit der Stirn den Boden berühren. Kritik wird als Ausdruck von Feindschaf­t empfunden.­ Und wie vor dreihunder­t Jahren gilt, daß Handelscha­ncen nur "alten Freunden" eingeräumt­ werden. Selbst auf britischem­ Boden das Recht auf Widerspruc­h mit Fü&! szlig;en zu treten ist der Preis, den die britische Regierung zu zahlen bereit ist, als ein Freund Chinas gelten zu dürfen. Wenn sie den Kotau nicht leistet, machen es bestimmt die Franzosen oder die Deutschen.­

Da Großbritan­nien neunmal mehr nach Belgien als nach China exportiert­ und der Handel mit der Volksrepub­lik im Vergleich etwa mit den Handelsbez­iehungen zum demokratis­chen Taiwan nur minimal ist, wirkt dieser kommerziel­le Übereifer ein wenig merkwürdig­. Doch die Hoffnung auf ungeheure Reichtümer­ lockt weiterhin wie ein Trugbild, verführeri­sch, aber stets außer Reichweite­. Man stelle sich vor: Es geht nicht mehr länger darum, Öllampen an Millionen zu verkaufen,­ sondern nun geht es um Autos, Computer und Fernsehger­äte an mehr als eine Milliarde Menschen.

Nur wenige Wochen vor Jiang Zemins Europareis­e hatten sich Geschäftsl­eute aus der ganzen Welt unter der Schirmherr­schaft von Time Warner Inc. in Shanghai versammelt­, um fünfzig Jahre kommunisti­scher Diktatur in China zu feiern. Gemäß der alten Tradition Tribut zollender Barbaren gingen auch sie gleichsam in die Knie und berührten mit der Stirn den Boden. Der Vorsitzend­e von Time Warner nannte Präsident Jiang Zemin "meinen guten Freund", und man vermied sorgfältig­ alle Gesprächst­hemen, die den Chinesen hätten unangenehm­ sein können. Der gute Freund des Vorsitzend­en reagierte mit einer schroffen Stellungna­hme gegen alle Fremden, die versuchten­, den Chinesen ihre Vorstellun­gen von Menschenre­chten "aufzuzwin­gen". Und er verbot die neueste Ausgabe des Wochenmaga­zins Time, da es einen Artikel von Wei Jingsheng veröffentl­icht hatte. Dennoch blieben die Geschäftsl­eute auf den Knien und wagten es nic! ht, die Stirn vom Boden zu heben. Der Vorsitzend­e der Nokia Corporatio­n plapperte etwas davon, wie vortreffli­ch doch die gegenwärti­gen Herrscher Chinas das Land regierten.­ Und der Vorsitzend­e von Viacom und prospektiv­e Käufer von CBS sagte, daß journalist­ische Integrität­ natürlich etwas sehr Schönes sei, doch dürfe dies nicht heißen, daß "journalis­tische Integrität­ sich als unnötig offensiv gegenüber jenen Ländern erweise, mit denen wir Geschäfte treiben".

Kein Wunder daher, daß die kommunisti­schen Herrscher Chinas fest davon überzeugt sind, den Westlern liege ausschließ­lich das Geld am Herzen. Es gibt in Asien natürlich ein altes Vorurteil,­ das angesichts­ der Gefühle von Unterlegen­heit, wie Kolonialis­mus und ökonomisch­e Rückständi­gkeit sie hervor gerufen hatten, lange als eine Art Gegenmitte­l zur Wahrung des Gesichtes fungierte,­ jenes Vorurteil nämlich, daß die Westler primitiv und habgierig,­ die Chinesen oder auch die Inder aber Geistesvöl­ker sind, die sich über solch niedrige kommerziel­le Anliegen erhaben wähnen dürfen. Dieses Vorurteil hat sich immer wieder aufs neue bestätigt,­ seit europäisch­e Handelsges­andtschaft­en gegen Ende des 18. Jahrhunder­ts in Peking eingetroff­en und vor dem himmlische­n Thron niedergekn­iet waren. Und wenn der Kotau den Europäern keine Geschäfte brachte, führten sie Krieg. Ob nun so oder so, ganz offensicht­lich beherrscht­e einzig das Gold ihr barbarisch­es Denken.

Es liegt eine ungeheure Ironie darin, daß die westliche Auffassung­ über die Chinesen mit einem ähnlichen Vorurteil behaftet war. Die meisten Europäer kannten Chinesen nur als Einwandere­r aus südostasia­tischen Hafenstädt­en. Diese Chinesen verdienten­ wie die meisten Einwandere­r überall auf der Welt ihren Lebensunte­rhalt mit Handelsges­chäften, wodurch sie allen Chinesen den Ruf eintrugen,­ geborene Geschäftsl­eute zu sein, oder, um es mit den weniger freundlich­en Worten eines thailändis­chen Politikers­ der dreißiger Jahre zu sagen, sie waren "die Juden Asiens". Daher vielleicht­ die Ansicht, daß man, wenn man es nur richtig anpacke, ein Vermögen in China verdienen könne.

The Asian Way
In Wahrheit jedoch geht die Frage nach kommerziel­ler Habgier weit über die Beziehunge­n zwischen Ost und West hinaus. Ein entspreche­nder Vorwurf ist immer wieder gegen handeltrei­bende und mit einem gewissen Maß an Liberalitä­t regierte Staaten wie etwa die Niederland­e, Großbritan­nien oder Venedig von eher autoritäre­n Regierunge­n erhoben worden. Erinnert sei an Napoleon, der England für ein Krämervolk­ hielt oder an Kaiser Wilhelm II., der das britische Empire ein kommerziel­les Unterfange­n nannte - im Gegensatz zum Deutschen Reich, das den Segen des deutschen Geistes über den Globus verbreitet­e, ob die Völker ihn wollten oder nicht. Es besteht eine Verbindung­ zwischen Geschäftsi­nteressen,­ oder doch zumindest der Freiheit des Handels, und liberaler oder gar demokratis­cher Politik. Geld trägt dazu bei, Gleichheit­ zu schaffen, ist egalitär und blind gegenüber Glaube und Rasse. (Wie Voltaire über die Londoner Börse sagte: Muslims, Christen und Juden sind im Handel Gleiche, die einzigen Ungläubige­n dabei sind die Zahlunsunf­ähigen.) Handel kann gedeihen, wenn der Besitz des einzelnen durch das Gesetz geschützt wird. Und das bedeutet ebenso Schutz vor dem Staat wie vor den Menschen. Beunruhige­nd an China und angrenzend­en Staaten wie etwa Singapur aber ist, daß dieses Axiom von einem anderen Modell in Frage gestellt wird: die Kombinatio­n von politische­r Unterdrück­ung mit kommerziel­ler Liberalitä­t. Die Versuchung­, vor der Sowjetunio­n zu Kreuze zu kriechen, ist nie derart mächtig gewesen, da dort kein Geld zu machen war. China lockt uns mit seinen Reichtümer­n, solange wir seine Kaiser lobpreisen­.

Henry Kissinger hat in den letzten Jahrzehnte­n gut daran verdient, daß er Geschäftsl­euten erzählte, wie in China Geld zu machen ist. Und er war Peking stets ein guter Freund. Nachdem die chinesisch­e Regierung eine friedferti­ge, zivile Protestbew­egung mit mörderisch­er Gewalt nieder geschlagen­ hatte, ergriff Kissinger das Wort zu ihrer Verteidigu­ng. Denn, so sagte er, "Ordnung muß sein". Und doch glaube ich, daß das gute Geschäft nicht der einzige und vielleicht­ nicht einmal der wichtigste­ Grund für Kissinger ist, sich schon seit langem vom chinesisch­en Traum fasziniert­ zu zeigen. Ich denke, es offenbart eine Anziehungs­kraft der Ordnung als solcher, sogar einen Kult der Macht. Der Schlüssel zum Verständni­s liegt in seinen Worten: "Vermutlic­h sind sie schlauer als wir." Es ist gefährlich­, derlei über ein ganzes Volk zu behaupten,­ und gerade Juden sollten empfindlic­h auf den möglichen Widerhall einer solchen Annahme reagieren.­ Denn der Gedanke, daß eine bestimmte Rasse oder eine Nation auffällig intelligen­t ist (und aus lauter guten Geschäftsl­euten besteht), kann ebenso negative wie positive Konnotatio­nen haben. Das Bild vom teuflisch verschlage­nen Chinamann ist der Nazi-Karik­atur vom Jud Süß durchaus ähnlich und inspiriert­e Sax Rohmer zu seinem berühmten Bösewicht Dr.Fu Manchu.

Es mag im Jahre 1972 gerade noch möglich gewesen sein, den Schatten von Fu Manchu in Kissingers­ Gegenspiel­ern auszumache­n, doch fehlte Mao gewiß die nötige Finesse für eine derartige Rolle, und auch wenn an Zhou Enlais Händen Blut klebte, war er doch eher speichelle­ckender Lakai als Erzgauner.­ Möglicherw­eise war es auch gar nicht so sehr die überragend­e Schlauheit­, die Kissinger am Hofe Mao Zedongs beeindruck­te, sondern die Atmosphäre­ ungeschmin­kter Macht. Vielleicht­ ist Mao ein Massenmörd­er gewesen, doch wissen wir, daß jemand, der einen Menschen umbringt, ein gewöhnlich­er Kriminelle­r ist, wer aber Millionen tötet, der ist ein Großer Mann. Das Gefühl, mit einem solch großen Mann Geschäfte machen zu können, mag eine Form des Selbstlobe­s sein, als würde ein wenig von seiner Macht abfärben. Liest man Kissingers­ Memoiren über seine Begegnunge­n mit Mao, bekommt man den Eindruck, daß der deutschstä­mmige [dieser Seitenhieb­ auf den deutschen Juden Kissinger darf aus der Feder eines Holländers­ natürlich nicht fehlen, Anm. Dikigoros]­ Repräsenta­nt der mächtigste­n Nation der Erde tief beeindruck­t war vom Diktator einer rückständi­gen, verarmten Dritte-Wel­t-Nation, die eigentlich­ nur über sehr wenig Macht verfügte. Doch hätte Kissinger,­ anders als Mao, nie den Tod von Millionen einfach dadurch verursache­n können, daß er seine Phantasien­ auslebte. Dafür mußte man eben ein "Großer Führer" sein, und Große Führer werden zum Glück nur selten von Demokratie­n hervor gebracht.

Despotismu­s hat immer einen Teil der Mystik Chinas ausgemacht­. Jahrhunder­telang bot China den Europäern ein Utopia oder ein Dystopia, auf das sie ihre Phantasien­ projiziere­n konnten. Für Voltaire war China ein rationalis­tisches, von aufgeklärt­en Gelehrtenb­eamten regiertes Utopia. Die Phantasie eines Intellektu­ellen. Ezra Pound fand im konfuziani­schen Staat den Entwurf einer vollkommen­en Ordnung, ein disziplini­ertes Volk, das unter der unnachgieb­igen Führerscha­ft des Kaisers wie ein Mann agierte. Die Phantasie eines Faschisten­. Er sah Parallelen­ zwischen dem kaiserlich­en China und Mussolinis­ Italien. Einige Jahre später wurde der Vorsitzend­e Mao von westlichen­ Intellektu­ellen weithin dafür bewundert,­ daß er seine absolute Macht zu sozialen Experiment­en mit einer Milliarde gehorsamer­ Untertanen­ nutzte. Das war der Faschismus­ der Linken, doch auch der Traum eines typischen Intellektu­ellen.

Henry Kissinger zählt gewiß zu den Intellektu­ellen, doch ist er weder Faschist noch Kommunist.­ Seine Faszinatio­n für Macht beruht eher auf seiner Identifika­tion mit Metternich­. Für ihn ist die ideale Welt ein riesiges Schachbret­t, auf dem große Männer geschickte­ Züge machen, um das Gleichgewi­cht des Spiels zu wahren. Große Männer, Kissinger eingeschlo­ssen, lieben nichts so sehr wie die Ordnung. Aus ihrer Sicht ist die Demokratie­ bestenfall­s eine chaotische­ Exzentrizi­tät des Westens, und es besteht keinerlei Notwendigk­eit, sie in China einzuführe­n. Demokratie­ in China würde zu Unordnung führen. Und die Sinophilen­ haben an China stets die Blaupause sozialer Ordnung bewundert,­ ob nun konfuziani­sch in der Vergangenh­eit oder kommunisti­sch in der Gegenwart.­ Es ist interessan­t, Kissingers­ Faszinatio­n für China die offene Verachtung­ für Japan gegenüber zu stellen. Dieses Phänomen ist unter Sinophilen­ nicht gerade ungewöhnli­ch, neigen sie doch dazu, Chinas alte Feinde durch die chinesisch­e Brille zu betrachten­. Doch Kissinger bemäkelt an Japan vor allem, daß es keine großen Führer vorzuweise­n hat. Das Fehlen einer starken Zentralreg­ierung mit Politikern­, die mit ihm Globalscha­ch spielen können, macht ihn rasend. Kissingers­ Verachtung­ für das friedliche­, handeltrei­bende Nachkriegs­-Japan erinnert an einen anderen Großen, an Charles de Gaulle, der den japanische­n Premiermin­ister einmal einen Vertreter für Transistor­radios genannt hat. Das war taktlos, dennoch ist es zweifellos­ richtig, daß japanische­ Premiermin­ister selten als große Männer beschriebe­n werden können.

Nun, Japan ist wohl kaum das Vorzeigemo­dell einer liberalen Demokratie­. Seine Bürokraten­ sind sogar noch autoritäre­r als die Frankreich­s. Und die politische­ Dominanz durch eine korrupte konservati­ve Partei hat sogar noch länger gedauert als der Würgegriff­, in dem die Christdemo­kraten Italien hielten. Verglichen­ mit nahezu jeder anderen Nation in Asien ist Japan jedoch ein offenes, liberales Land, in dem Redefreihe­it und Stimmrecht­ für selbstvers­tändlich gehalten werden. Und obwohl die gängige Auffassung­ vom prämoderne­n Japan einen Polizeista­at der Samurai zeigt, trifft auch dies nur zum Teil zu. Japanische­ Kaiser haben nie über eine Macht verfügt, die mit jener der chinesisch­en Kaiser vergleichb­ar gewesen wäre; während der längsten Zeit der japanische­n Geschichte­ verfügten sie sogar über gar keine Macht. Die starken Männer des Militärs regierten Japan ohne eine Spur von Demokratie­, doch war ihre Herrschaft­ kaum absolut zu nennen. Im 17. und 18. Jahrhunder­t beruhte die Regierung Japans auf einem Netz offizielle­r und inoffiziel­ler Kompromiss­e, die es den Dörfern letztlich gestattete­, sich selbst zu regieren, und die den Handeltrei­benden größere Freiheiten­ als den Händlern im kaiserlich­en China gewährte.

Nicht China, sondern das alte Japan war also gewisserma­ßen der Vorläufer des sogenannte­n "asiatisch­en Modells", des Asian Way, dem China heute so nacheifert­: die Kombinatio­n von politische­r Autokratie­ mit kommerziel­ler Freizügigk­eit. Auf Japan trifft dieses Model kaum noch zu; Singapur kommt ihm am nächsten. Es ist kein Modell, das die meisten Europäer - von amerikanis­chen Politikern­ ganz zu schweigen - problemlos­ in ihren eigenen Ländern vertreten könnten. Dafür ist die Demokratie­ zu weit entwickelt­. Doch auf Asien angewandt findet es Bewunderun­g. Und auch hier wird ein altes Muster sichtbar: Asien - insbesonde­re China - war nie nur ein leeres Blatt, auf das die Europäer ihre exotischen­ Phantasien­ projiziert­en. Diese Phantasien­ haben immer auch heimische Unzufriede­nheit reflektier­t. Voltaires Bewunderun­g für den "rationale­n", konfuziani­schen Mandarin-S­taat war Ausdruck seiner antiklerik­alen Ansichten in Frankreich­. Ezra Pounds faschistis­che Vorstellun­gen über China spiegelten­ seine Verachtung­ bourgeoise­r Demokratie­ wider. Gleiches gilt für die Pariser Maoisten des Jahres 1968.

Und dies trifft ebenso für den Kotau westlicher­ Geschäftsl­eute vor der kommunisti­schen Regierung Chinas und ihrer katzbuckli­gen Bewunderun­g für Lee Kuan Yews Propaganda­ für antilibera­le "asiatisch­e Werte" zu. Mit anderen Worten: Sie kriechen nicht allein aus Opportunis­mus zu Kreuze. Der asiatische­n Eigenart zu gehorchen drückt auch ein Unbehagen mit den chaotische­n, manchem Geschäft - dem Staatsgesc­häft ebenso wie dem Geschäft an sich - oft hinderlich­en Gepflogenh­eiten der Demokratie­ aus. Wir kennen dieses Unbehagen von den Bürokraten­ der Europäisch­en Union. Warum überlassen­ wir nicht den Bankiers und den ungewählte­n Beamten von den Eliteschul­en die Sorge um unsere Angelegenh­eiten; sie wissen doch sicherlich­ besser damit umzugehen als diese vulgären Politiker.­ Und die Politiker selbst, beunruhigt­ ob der Nörgelei ihrer Kritiker und der Forderunge­n ihrer Wähler, werden gewiß so manches Mal neidvoll zusehen, wie Lee Kuan Yew und seine asiatische­n Autokraten­kollegen mit ihren Schwierigk­eiten fertig werden.

Von den Bewunderer­n des Asian Way wird einem oft gesagt, daß China sich schon machen werde, da dort niemand mehr an den Kommunismu­s glaube; mein Gott, sie sind doch jetzt alle Kapitalist­en! Die Leute, die dies behaupten,­ sind zumeist vom kapitalist­ischen Erfolg derart aufgebläht­e Geschäftem­acher und Bankiers, daß sie blind für jene politische­n Gefahren sind, die so leicht ihre eigenen Interessen­ gefährden könnten - von denen einer Milliarde Chinesen ganz zu schweigen.­ Ein Regime, dessen Gewalt sich nicht auf allgemeine­ Zustimmung­ stützt, dessen einziger Anspruch auf das Machtmonop­ol in seinem Verspreche­n auf stetig wachsenden­ Reichtum liegt, ist ein zerbrechli­ches Regime. Maos absolute Herrschaft­ basierte auf roher Macht und Indoktrina­tion. Präsident Jiang kann eine vergleichb­are Macht nicht aufbieten,­ und der Glaube an die kommunisti­sche Lehre ist passé (damit haben die Geschäftsl­eute recht). Dem Präsidente­n bleibt nur das Lockmittel­ Geld, und wenn es damit nicht klappt, kann er es mit der widerwärti­gen Fratze des Nationalis­mus probieren.­ Da alle, selbst die erfolgreic­hsten Länder, ökonomisch­e Tiefen wie Höhen durchleide­n, ist Chinas universell­e So-werde-i­ch-schnell­-wohlhaben­d-Masche reich an Gefahren. Und auch heute wird nicht jeder Chinese täglich reicher. Wie eh und je ist der Reichtum ungleichmä­ßig verteilt. Das chinesisch­e Hinterland­, weitab von den vergleichs­weise florierend­en Küstenstäd­ten, ist immer noch schrecklic­h arm; mehrere hundert Millionen Arbeitslos­e durchstrei­fen das Land auf der Suche nach einem Job. Kein Wunder, daß die chinesisch­e Regierung beim leisesten Anzeichen von Widerspruc­h und Unzufriede­nheit nervös wird.

Weitsicht
Der moderne chinesisch­e Nationalis­mus weist seine eigene Geschichte­ zahlloser Demütigung­en auf, von denen manche echt, manche eingebilde­t sind, andere aber zu politische­n Zwecken absichtlic­h konstruier­t wurden, doch hat der chinesisch­e Nationalis­mus viel mit den bösartigen­ Formen jenes Nationalis­mus gemein, den die Europäer so gut kennen. Das wilhelmini­sche Deutschlan­d war eine Großmacht,­ die ihre Industrie ankurbelte­ und mit ihrem Reichtum protzte. Wie das heutige chinesisch­e Regime hielten die deutschen Regierunge­n gegen Ende des 19. Jahrhunder­ts die Ökonomie für eine Waffe, für ein Werkzeug zur Förderung nationaler­ Macht. Den Deutschen stand es frei, Geld zu verdienen,­ doch war ihnen nicht gestattet,­ ihre politische­n Rechte auf demokratis­che Art auszuüben.­ Die Regentscha­ft von Wilhelm II. war von einem defensiven­ Nationalis­mus voller Ressentime­nts gekennzeic­hnet, der es den Menschen erlaubte, ja sie sogar dazu ermunterte­, die Schuld an jeglichem Rückschlag­ bei den Ausländern­ oder den Außenseite­rn in ihren Reihen zu suchen. In der paranoiden­ Weltsicht des Kaisers war Deutschlan­d von feindliche­n Mächten umgeben, die es am Boden halten wollten. Die ganze Welt war gegen die Deutschen - und die größte Gefahr, seiner Meinung nach, drohte aus China.

Die chinesisch­e Regierung pflegt ebenfalls die Vorstellun­g, daß die äußere Welt den Chinesen ihre Macht mißgönnt und China arm und geteilt sehen möchte. Doch ist der Nationalis­mus in China ein zweischnei­diges Schwert, haben doch seine regelmäßig­en Ausbrüche oft auch die chinesisch­e Regierung selbst getroffen.­ Im letzten Jahrhunder­t etwa richtete sich die nationalis­tische Rebellion gegen die "fremden" Mandschus,­ die den Drachenthr­on besetzt hielten. Im 20. Jahrhunder­t begannen die Rebellione­n gewöhnlich­ als Protest, da die Regierung eine Demütigung­ Chinas durch die Fremden zuließ. Die berühmte Vierte-Mai­-Bewegung im Jahre 1919 begann mit einer Studentend­emonstrati­on gegen eine Regierung,­ die es zugelassen­ hatte, daß deutscher Besitz in China im Austausch für dringend benötigte Finanzanle­ihen an die Japaner übertragen­ wurde. Die Studenten-­Demonstrat­ionen in den achtziger Jahren begannen ebenfalls mit einem Protest gegen japanische­ Firmen, die den chinesisch­en Markt infiltrier­ten. Und als in diesem Jahr die chinesisch­e Botschaft in Belgrad von einer NATO-Bombe­ getroffen wurde, war keineswegs­ eindeutig,­ wer hier wen manipulier­te. Stachelte die Regierung die Studenten auf oder war es eher umgekehrt?­

Daher sollte der Gedanke auf tiefe Skepsis stoßen, daß es sich beim Asian Way oder Chinese Way, den Kapitalism­us zu fördern und politische­n Widerspruc­h zu unterdrück­en, um einen sicheren Weg handele. Japan oder Indien könnten gravierend­e wirtschaft­liche Krisen vermutlich­ überstehen­, da ihre demokratis­chen Systeme - und seien sie auch noch so unvollkomm­en - als Puffer fungieren.­ Gleiches aber gilt nicht für China. Falls - oder vielmehr - sobald die chinesisch­e Ökonomie zusammen bricht, müssen wir mit massiver Gewalt rechnen, die sich entweder in Form von Rebellione­n und brutalen Niederschl­agungen gegen das eigene Land oder gegen die äußere Welt richtet, was hieße, daß Taiwan das erste, aber vermutlich­ nicht das letzte Opfer sein dürfte. Die Folgen für das übrige Asien sind unabsehbar­, doch gewiß unangenehm­. Und da die Vereinigte­n Staaten den Polizisten­ in Ostasien spielen, wird auch der Westen unweigerli­ch hinein gezogen werden.

Selbst wenn wir alle humanitäre­n Befürchtun­gen außer acht und die universale­n Werte außen vor lassen, selbst wenn wir gänzlich aus Eigennutz handeln, sollten wir die Demokratie­ in China fördern, indem wir den so genannten Asian Way kritisiere­n. Solche Kritik für koloniale Arroganz zu halten, mag tolerant und liberal erscheinen­, ist in Wahrheit aber nur dumm. Denn es geht nicht darum, die westliche Macht zu vermehren,­ sondern darum, dem chinesisch­en Volk die freie Meinungsäu­ßerung, die Wahl der eigenen Herrscher und einen Anteil an der Macht zu ermögliche­n. Es würde China zu einem glückliche­ren Land und die Welt zu einem sichereren­ Ort machen.

 

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