Suchen
Login
Anzeige:
Mi, 20. Oktober 2021, 9:36 Uhr

China: Evergrande ist nur ein Symptom


24.09.21 10:05
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.aktiencheck.de) - Vor dem Hintergrund des drohenden Konkurses des größten chinesischen Immobilienentwicklers Evergrande (ISIN KYG2119W1069/ WKN A2APDK) stellen viele Investoren die Frage, ob Chinas Wachstum nunmehr kollabiert, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Immerhin mache der Bausektor rund ein Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung aus, sodass alleine eine Stagnation in diesem Sektor massive Auswirkungen auf die anderen Bereiche und die Weltwirtschaft hätte. Drei Preisfragen würden sich die Anleger stellen: Erstens, wann werde die chinesische Regierung intervenieren, um einen ungeordneten Konkurs von Evergrande zu verhindern? Zweitens, werde die Regierung mit ihrem gezielten Plan, Übertreibungen und Fehlallokationen im Bausektor zu stoppen, ungebremst weiter machen oder lockere sie ihre Restriktionen, um eine Kettenreaktion zu verhindern? Und schließlich: Inwieweit sei der Immobilienmarkt in China ohnehin in einem Abwärtstrend, ganz unabhängig von Evergrande? Oder müsse man diese Frage sogar auf die gesamte Volkswirtschaft ausweiten?

Fest stehe: Mit einem ungeordneten Konkurs von Evergrande würde das Risiko steigen, dass es zu sozialen Unruhen komme. Hierbei gehe es vor allem um die 1,4 bis 1,6 Millionen Wohneinheiten, die mit Vorauszahlungen finanziert worden seien, aber noch auf ihre Fertigstellungen warten würden. Die betroffenen Menschen würden dagegen protestieren. Es gehe aber auch um rund 80.000 Anleger, die über so genannte Wealth-Management-Produkte ihr Geld in Evergrande angelegt hätten, eine weitere Finanzierungsquelle des Unternehmens. Teilweise seien diese auch identisch mit den 123.000 Beschäftigten, die von einem Konkurs unmittelbar betroffen wären. Dazu kämen noch tausende Beschäftigte in den Subunternehmen Evergrandes, deren Arbeitsplatz ebenfalls in Gefahr sei.

Die meisten Beobachter seien sich einig, dass die Regierung einen ungeordneten Konkurs vermeiden werde, um soziale Unruhen, und seien sie auch nur regional, zu verhindern. Vor diesem Hintergrund würden die meisten Beobachter mit einem geordneten Konkurs rechnen. Um diese zu erreichen, dürfte die Regierung zum einen dafür sorgen, dass die unfertigen Wohneinheiten doch noch zu Ende gebaut würden. Zum anderen werde die People's Bank of China (PBoC) vermutlich sowohl dem Bankensektor als auch einigen betroffenen Nicht-Finanz-Unternehmen reichlich Liquidität zuführen. Einen ersten Schritt in diese Richtung habe man bereits getan und genau diese Maßnahmen habe die PBoC 2019 ergriffen, nachdem sie die Baoshang Bank unter ihre Obhut genommen habe.

Die Probleme von Evergrande lägen in der hohen Verschuldung des Unternehmens begründet, die offensichtlich geworden sei, als die Aufsichtsbehörden Ende 2020 drei rote Linien definiert hätten, die sich auf die Eigenkapitalquote, den Verschuldungsgrad und das Verhältnis von liquiden Mitteln zu Kurzfristverschuldung beziehen würden und auf alle Bauunternehmen angewendet werden sollten. Evergrande habe alle drei rote Linien überschritten.

Laut "South China Morning Post" gelte dies auch für drei andere große Immobilienunternehmen. Weitere vier hätten zwei rote Linien überschritten. S&P nenne seinerseits fünf Unternehmen aus diesem Sektor, die kürzlich heruntergestuft worden seien. So gesehen erscheine es nicht abwegig, dass sich die Probleme Evergrandes weiter ausbreiten könnten. Vor diesem Hintergrund werde man genau beobachten müssen, ob die Regierung ihr Vorhaben, die hohe Verschuldung in diesem Sektor zu reduzieren, ungebremst fortsetze oder nicht. Möglicherweise werde man temporär weniger Strenge walten lassen. Viel werde davon abhängen, im welchem Ausmaß die Turbulenzen im Bausektor Spuren hinterlassen würden.

Bislang scheinen die Auswirkungen auf den Bausektor noch relativ begrenzt, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Richtig sei lediglich, dass das Wachstum im Bausektor seit ein paar Jahren nachlasse und somit genau das passiere, was die Regierung wünsche.

So seien im Frühjahr 2019 die Preise für Wohnimmobilien im einfachen Durchschnitt der 70 größten Städte noch mit einer Jahresrate von 11% gestiegen, um dann relativ stetig zu fallen. Heute liege der Anstieg bei knapp 4%. In 26 der 70 größten Städte seien die Preise im August im Vormonatsvergleich gefallen oder gleich geblieben. Im Gesamtbild sehe dies bislang noch eher aus wie eine Normalisierung. Notverkäufe von Wohneinheiten durch das Unternehmen Evergrande, das mit dieser Maßnahme versuche, seine Liquiditätslöcher zu stopfen, könnten hier grundsätzlich die Preisschwäche bei Wohnimmobilien verstärken. Man müsse allerdings berücksichtigen, dass Evergrande im Verhältnis zum gesamten Immobiliensektor mit 2% der Vermögenswerte eher klein sei.

Ähnlich wie die Preise verhalte sich die Bauaktivität. Nachdem der Bau neuer Wohnimmobilien, gemessen an der Wohnfläche, von 2016 bis 2019 um mehr als 50% gestiegen sei, sei seit 2020 eine volatile Seitwärtsbewegung zu beobachten. Im August habe die Bauaktivität allerdings rund 25% unter dem Vorjahreswert gelegen und der Trend sei seit einigen Monaten abwärts gerichtet. Auch hier könne grundsätzlich ein ungeordneter Konkurs von Evergrande einen Dominoeffekt auslösen und zu einer Kaufzurückhaltung führen. Der Einbruch bei den Hausverkäufen (Bestandsimmobilien) sehe mit -20% YoY ebenfalls gewaltig aus und habe möglicherweise mit einer größeren Kaufzurückhaltung zu tun. Generell seien die Zeitreihen aber sehr volatil, sodass es noch zu früh sei, Alarm zu rufen.

Die Probleme bei Evergrande würden auf ein umfassenderes Problem Chinas hinweisen. Das Land stoße mit seiner bisherigen Wachstumsstrategie, die unter anderem durch den ungebremsten Bau von Wohnraum und großen Infrastrukturprojekten geprägt gewesen sei, an seine Grenzen. Wie in dem an dieser Stelle vor einigen Monaten kommentierten Buch "Invisible China" deutlich werde, müsse China seine Strategie von "Werkbank für die Welt" und "Bauen, bauen, bauen" hin zu einer technologieintensiveren und innovativeren Wirtschaft umbauen. Ob dies in den nächsten Jahren angesichts der demografischen Entwicklung und eines unzureichenden Bildungsstands gelinge, müsse jedoch bezweifelt werden.

Nicht der plötzliche Zusammenbruch der chinesischen Wirtschaft durch Evergrande sei zu befürchten, sondern das Abgleiten in eine baldige Wachstumsverlangsamung in einen Bereich von 3% bis 4%, mit der nur wenige Marktbeobachter rechnen würden. (Ausgabe vom 23.09.2021) (24.09.2021/ac/a/m)